Wie sieht eine Bestandsaufnahme im BIM-Zeitalter aus?

Als ich vor fast 30 Jahren das erste Mal mit einer 3D-Architektursoftware gearbeitet habe, habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wie das Wohnungsbauunternehmen seinen aktuellen Gebäudebestand grafisch bearbeitet. Alle Bestandspläne lagen ausschließlich in Form von Papierplänen im Archiv. Ende der 80er kamen die ersten großformatigen Scanner-Systeme auf den Markt. Da begannen die ersten Unternehmen, ihre Bestandspläne zu digitalisieren und auf der Basis der gescannten Pläne Veränderungen zu dokumentieren.

Als Mitte der 90er die ersten CAFM-Softwareprodukte entstanden sind, war die digitale Welt im Bauwesen zweidimensional. Die dreidimensionalen CAD-Produkte konnten sich nicht durchsetzen. Die Architekten wollten nicht die Expertensysteme erlernen oder finanzieren und die Bauzeichner konnten oder sollten sie nicht bedienen. Zweidimensionales Konstruieren am Personal Computer war bezahlbar und ein für die meisten Menschen verständlicher Ersatz für Zeichenbretter. Die ersten Hersteller von CAFM-Systemen fingen an, zweidimensionale Grafiken als Pixeldateien oder zweidimensionale CAD-Dateien in ihre Systeme zu integrieren. Gescannte Pläne wurden teilweise mit Hilfe von Vektorisierungssoftware in CAD-Dateien umgewandelt. Unternehmen, die ihren Gebäudebestand in einem CAFM-System grafisch nutzen wollten, mussten sehr oft neue Bestandsaufnahmen durch Architekten oder CAD-Dienstleister machen lassen. Leider wurde meist der Bestand nicht sauber dokumentiert oder schon nach der Baufertigstellung nicht vollständig oder korrekt dokumentiert übergeben. Eine nachträgliche Bestandaufnahme erfolgte aus Kostengründen nur zweidimensional mit Hilfe von preiswerten CAD-Systemen. Facility Management wird meist als Kostenfaktor für Unternehmen betrachtet.

BIM setzt sich nach und nach durch. Die 3D-CAD-Softwareprodukte sind in den letzten Jahren immer weiter perfektioniert worden. Die Mehrzahl der CAFM-Softwarehersteller verharrt aber noch immer auf der zweiten Dimension. Die Hersteller haben ihre Produkte seit der Jahrtausendwende in Bezug auf die Grafik bis auf wenige Ausnahmen fast nicht mehr weiterentwickelt. Durch das Thema BIM ist die Grafik nach Fertigstellung der Gebäude auf dem aktuellen Stand. In der Bauphase gibt es auch 2D-Zeichnungen. Sie sind nur eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt des Druckes. Sie besitzen keinen Langzeitwert mehr und sind als grafische Basis für das Facility Management ungeeignet.

Wenn jetzt der Gebäudebestand für das Facility Management erfasst oder für Ausbaumaßnahmen benötigt wird, dann kommen hochmoderne 3D-Laserscanner zum Einsatz. Es gibt bereits für die Nachverarbeitung der 3D-Punktwolken Softwareprodukte, die in der Lage sind aus den Punktwolken dreidimensionale architektonische Bauteile zu erzeugen. Keiner muss heute mehr die Aktualität von alten Bestandsplänen überprüfen. Die Zeit und die Kosten sind besser in dieser neuen Form der Bestandsdatenerfassung investiert. Der große Vorteil ist, dass diese Daten sofort in die anstehenden BIM-Projekte mit integriert werden können.

Wenn die Gebäudebesitzer und Gebäudebetreiber auf BIM setzen, werden die Dienstleister und CAFM-Softwarehersteller folgen müssen. Die Dienstleister benötigen das passende Equipment und müssen mit der für sie neuen Materie schnellstens Erfahrungen sammeln. Ein kleiner Teil von CAFM-Softwareherstellern kann sofort mitmachen. Die Hersteller, die ihren Datenbanken in den letzten zwei Jahren eine neue Struktur verpasst haben, müssten die dreidimensionale Grafik auch integrieren können. Die Hersteller, die noch mit alten Datenbankkonzepten arbeiten, müssen sich ernsthafte Gedanken über ihre Zukunft machen. Sonst werden sie bald keine mehr haben.

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2 Antworten auf “Wie sieht eine Bestandsaufnahme im BIM-Zeitalter aus?”

  1. Hallo Ulf,
    ich weiß es von der Stadt Bielefeld, die ihren Bestand aufnehmen wollte. Sie sind daran gescheiert, weil:
    a) zu teuer
    b) nicht praktikabel
    c) aufwendig
    Sie haben zunächst mit einem Laser versucht die Gebäude aufzumessen. Auch dieses ist gescheitert. Zum einen daran, weil Bauzeichner sich geweigert haben, mit diesen Plänen zu arbeiten, da die Wände etc. ja schief sind (keine 90° Winkel). Das ist natürlich ein Ergebnis aus dem Laseraufmaß.
    Auch der 3D Laserscan ist in einem Verwaltungs- oder Schulgebäude aufwendig, somit nicht billig.
    Die Stadt Bielefeld hat sich auf ganz einfach 2D Zeichnungen geeinigt. Diese reichen für das FM vollständig aus. Für Umbaumaßnahmen werden die Pläne neu erstellt (leider in 2D).
    Die Architekten haben sich geweigert, die Pläne dreidimensional zu erstellen.
    Ich glaube, dass ist das größte Problem. Solange Architekten nicht anfangen alles in 3D zu zeichnen, wird die Einführung von BIM und das Planen in 3D schwierig.

    Liebe Grüße Jürgen

    1. Hallo Jürgen,
      es gab einmal einen Krimi im Fernsehen, bei dem die Frage aufgeworfen wurde, ob es Bielefeld überhaupt gibt. Dann würden wir von einem nicht existenten Problem bei Euch sprechen. Aber lassen wir den Spaß einmal beiseite.

      BIM ist ein Kulturwandel. In den kommenden Jahren vier Jahren wird es viele Diskussionen geben. Ab 2020 macht Deutschland ernst und investiert nur noch in Bau- und Infrastrukturprojekte, wenn alle Teilnahme BIM können und sich mit BIM beteiligen. In diesem Jahr arbeiten mindestens 150 Fachleute aus allen Bereichen in momentan 8 Arbeitskreisen an den VDI Richtlinien für BIM. Die Architektenkammer ist auch beteiligt. Es wird viele Projekte in unterschiedlichen Größen geben. Es wird neuen Berufsbilder geben, z.B. auch so etwas wie einen BIM-Konstrukteur. Es ist nicht so tragisch, wenn sich Bauzeichner weigern. Entweder sie machen dann eine Fortbildungsmaßnahme oder sie wechseln den Beruf. So einfach ist es. Wir beide haben die Einstellung, dass wir die Menschen motivieren wollen, nach vorn zu denken. Nur zwingen können wir keinen. Falls ich doch noch einmal einen privaten Neubau errichten möchte, dann werde ich meinem Architekten oder Bauträger nur einen Auftrag geben, wenn er das Gebäude mit BIM plant. Ich kenne da einen Elektriker, der sich freut, wenn er sich an diesem kleinen BIM-Projekt beteiligen dürfte.

      Leider kann ich Dir nicht sagen, wo ich den Hebel in dem Projekt angesetzt hätte. Ich war nicht involviert. Es ist schade, dass es die Stadt Bielefeld nicht geschafft hat, was andere durchaus bereits erfolgreich umgesetzt haben.

      Mit freundlichen Grüßen
      Ulf

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