Die erste BIM-Zertifizierung in Deutschland – Schnellschuss oder nachhaltig?

In den letzten Tagen wurde in Deutschland eine erste BIM-Ausbildung zertifiziert. Zertifizierungen haben eigentlich grundsätzlich etwas Gutes. Die Teilnehmer bekommen nach dem erfolgreichen Abschluss eines Lehrgangs ein Zertifikat. Dieses Zertifikat soll sie aus der Menge der Menschen hervorheben. Zertifikate sind etwas Besonderes. Zertifikate sind werthaltig. Zertifikate sind aussagekräftig.

Wer meine Artikel schon seit über zwei Jahren verfolgt, weiß, dass nach dieser Einleitung jetzt ein „aber“ folgen wird und auch, dass ich die Protagonisten – egal ob Softwarehersteller oder andere Unternehmen – nicht namentlich erwähne, sondern die Dinge so umschreibe, dass Sie es zwischen den Zeilen lesen können. Ich habe im letzten Jahr bereits einen Artikel über das Thema BIM-Zertifizierung geschrieben. Nun kann ich meine damaligen Inhalte und Bedenken konkretisieren.

Welche Grundlagen für eine BIM-Zertifizierung in Deutschland gibt es?

Immer dann, wenn es um technische Sachverhalte und die Einhaltung dieser Sachverhalte geht, spielt der VDI in Deutschland eine zentrale Rolle. Der VDI – der größte technisch-wissenschaftliche Verein Deutschlands. Als Sprecher der Ingenieure und der Technik gestaltet der VDI die Zukunft aktiv mit. Viele ehrenamtliche Experten bearbeiten jedes Jahr neueste Erkenntnisse zur Förderung unseres Technikstandorts. Der VDI ist der drittgrößte Regelsetzer und Partner für die deutsche Wirtschaft und Wissenschaft. Der VDI ist anerkannt. Aktuell erarbeitet der VDI gerade die BIM-Richtlinien für Deutschland. Sie werden alle in der VDI Richtlinie 2552 zusammengefasst. Die VDI-BIM-Richtlinien werden zukünftig das Maß aller Dinge zum Thema BIM in Deutschland sein. „Werden“ ist an dieser Stelle korrekt formuliert, denn die BIM-Richtlinien sind noch in Arbeit. Ich hoffe, dass alle Arbeitskreise bis Ende 2016 mit Ihrer Arbeit fertig sind und die ersten offiziellen BIM-Richtlinien für Deutschland veröffentlich werden. Ich fürchte aber, dass die Richtlinien erst in 2017 soweit fertig sein werden.

Kann es auch ohne die VDI-BIM-Richtlinien BIM-Zertifizierungen geben?

Diese Frage wirft weitere Fragen auf. Wer hat die Kriterien und Richtlinien für eine Zertifizierung erstellt? Um welche Kriterien und Richtlinien handelt es sich im Detail? Wer hat die Zertifizierung durchgeführt? Wer hat letztendlich den Zertifizierer dazu autorisiert, die Zertifizierung durchführen zu dürfen?

Nehmen wir als Beispiel einmal eine weit verbreitete CAD-Software. Wenn der Hersteller es möchte, darf er Kriterien für eine Zertifizierung aufstellen. Er kann dafür sorgen, dass seine Vertriebspartner eine festgelegte Qualität einhalten oder dass die Anwender in der Lage sind, bestimmte Konstruktionen auszuführen. Wenn es sich um eine weit verbreitete Software handelt, ist diese Vorgehensweise sinnvoll und die Werthaltigkeit eines Zertifikates vorhanden. Diese Zertifizierungen gibt es bei einigen großen Softwareherstellern. Ich habe in verschiedenen Funktionen in der Vergangenheit bereits mitgewirkt.

Brauchen wir für eine BIM-Zertifizierung eine allgemeingültige Richtlinienbasis?

BIM ist keine Software, sondern ein digitaler Kulturwandel in der Bauindustrie. Für diesen Kulturwandel benötigen wir einen breiten Konsens in der Gesellschaft. Wenn es BIM-Zertifikate gibt, müssen diese auf einem breiten Konsens in unserer Gesellschaft beruhen. Ein breiter Konsens kann in diesem Fall in Deutschland nur auf der Basis der VDI-Richtlinien hergestellt werden.

Wenn ich als Hersteller einer Software ein Zertifikat erstelle, dann möchte ich, dass es werthaltig ist und bleibt. BIM ist ein Kulturwandel und keine Software. Für den Kulturwandel sind wir als Gesellschaft zuständig. Wir haben es alle gemeinsam in der Hand, ob ein BIM-Zertifikat von Anfang an werthaltig ist und es werthaltig bleibt.

Was halten Sie von BIM-Zertifizierungen, die keine allgemeingültige Basis haben?

Ich will hier nicht einzelnen Gruppen oder Gruppierungen unterstellen, dass Sie etwas Negatives machen oder bewirken wollen. BIM oder der digitale Wandel in der Bauindustrie benötigt jetzt viele hilfreiche Hände. Manchmal kann es aber auch sein, dass etwas gut Gemeintes sich in das Gegenteil verkehrt.

In einem meiner Artikel haben ich dazu aufgefordert, dass alle Mitarbeiter in der Bauindustrie sich fortbilden müssen. Jeder muss sich mit dem Thema BIM auseinandersetzen. Je schneller, desto besser. Dafür benötigen wir viele Initiativen, egal ob diese seitens der Softwarehersteller, den Unternehmen oder den Bildungsinstituten kommen.

In anderen Ländern, die sich schon länger mit BIM auseinandersetzen, konnten wir bereits ähnliches feststellen. Irgendwann kam es zu einer inflationären BIM-Zertifizierung. Jede Universität in Kooperation mit oder ohne Industrieunternehmen hat eine BIM-Ausbildung mit einem eigenen Zertifikat ins Leben gerufen. Ich hatte eigentlich gehofft, dass uns dies in Deutschland erspart bleibt. Nun ist es aber geschehen. Eine Universität hat in Kooperation mit einem Industrieunternehmen eine BIM-Ausbildung auf die Beine gestellt. Das ist eigentlich sehr positiv! Der negative Beigeschmack entsteht aber dadurch, dass die Universität diese Schulung mit einem BIM-Zertifikat hervorhebt.

Welche Wertigkeit hat ein BIM-Zertifikat, dass nicht auf allgemeingültigen und anerkannten Richtlinien beruht?

Fünf Personen treffen sich zu einer ersten Besprechung zu einem BIM-Projekt. Die Beteiligten kennen sich nicht. Jeder hat sein BIM-Zertifikat mitgebracht, dass er bei einem der vielen Anbieter erworben hat, um zu dokumentieren, dass er BIM beherrscht. Obwohl alle von BIM sprechen, müssen sie erst einmal feststellen, wo jeder steht. Hätten alle Zertifikate einen gleichen Richtlinienursprung, wäre der Projektbeginn ein wenig effizienter und würde reibungsloser verlaufen. Die Frage nach einer Werthaltigkeit hat sich damit von allein beantwortet.

Eigentlich müsste ich mich freuen, dass Deutschland auf dem Wege ist, sich in diese Richtung zu entwickeln. Im letzten Jahr habe ich gemeinsam mit anderen Spezialisten auf der Welt ein Produkt mit dem Namen BIMcheck erstellt. Mit dem BIMcheck können Unternehmen feststellen, welche Einstellung sie und ihre Mitarbeiter zum BIM haben. Die vielen gut gemeinten Schnellschüsse der individuellen BIM-Zertifizierungen schaffen leider keine allgemeingültige Vergleichbarkeit und Standortbestimmung, die wir aber dringend benötigen, um die Digitalisierung des Bauwesens in Deutschland nachhaltig voranzubringen.

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4 Antworten auf “Die erste BIM-Zertifizierung in Deutschland – Schnellschuss oder nachhaltig?”

  1. Sehr geehrter Herr Krause, vielen Dank für diesen Beitrag. Ich stehe nun vor der Entscheidung solch eine Weiterbildung zu durchlaufen. Und das bin mir so kurz vor Einschreibung der Kurse immer noch nicht sicher, wohin ich gehen soll. Es gibt, wie Sie es im Bericht schon erwähnten, mehrere Anbieter. Wer ist der Richtige? Ist es die Uni Wuppertal, Uni Dresden mit Eipos, die Uni Bochum oder die in München mit der Kooperation von HochTief, oder doch lieber der TÜV Süd? Nur um einige zu nennen. Diese Entscheidung steht mir binnen 4 Tagen bevor. Und ich bin noch am rätseln, denn ich weiß nicht, welches Wissen aber auch die wichtigen Zertifikate / Bescheinigungen mir in meinem späteren Berufsleben wirklich weiterhelfen. Vielleicht können Sie mir ja diese Frage beantworten?

    1. Sehr geehrter Her Flamann, vielen Dank für Ihr Vertrauen! Es ist nicht einfach, unparteiisch zu sein und noch schwieriger ist es, öffentlich als unparteiisch und neutral anerkannt zu werden. Es wird in meinen Augen noch einige Zeit dauern, bis alle angebotenen BIM-Ausbildungen eine neutrale und von allen anerkannte Zertifizierung erhalten. Erstens gibt es noch keine allgemein anerkannten Ausbildungskriterien. Daraus resultiert zweitens, dass es auch noch keine neutralen Zertifikate geben kann und drittens gibt es noch keine offiziell anerkannten Prüfer, die diese Zertifikate vergeben können. BIM-Berater, die BIM-Kurse anbieten, halte ich nicht für neutral. Neutrale Organisationen, die BIM-Berater engagieren, um BIM-Kurse anzubieten, halte ich auch nicht für neutral. Vor einigen Jahren habe ich mich entschieden, keine BIM-Beratungen anzubieten. Aktuell habe ich ein BIM-Seminar und unterrichte über 50 Unternehmen darin, zu lernen, wie sie BIM nachhaltig und frei von Beratern in ihren Unternehmen einführen können. Nebenbei lernen sie, wie sie die Aussagen von Beratern, Softwareanbietern und Softwareherstellern beurteilen können. Aktuell gibt es kein Zertifikat und keine Bescheinigung, die Ihnen beruflich weiterhelfen können. Das wird erst alles kommen. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, sich Kurse auszusuchen, BIM zu lernen, BIM anzuwenden und das Gelernte stets kritisch zu hinterfragen und für sich selbst zu bewerten.

  2. Sehr geehrter Herr Krause
    ich denke, die Frage trifft zwei Bereiche, die allgemein gültig sind und doch keine allgemeine Lösung haben.

    a) Was ist eine Zertifizierung wert?
    Einer hat den Führerschein, kann aber nicht wirklich Autofahren. Andere haben keinen, fahren aber seit 30 Jahren schwarz und unfallfrei den Fernlaster. Der eine ist DrDr-techn., scheitert aber am Ikea -Regal. Das geht vom Englischkurs über den Mediziner bis zum Piloten – ist die Ausbildung X im Land Y (oder des Herstellers Z) mit dem vergleichbar, was ich brauche oder gewohnt bin?

    b) Wo liegt der absolut richtige Zeitpunkt zwischen „überstürzt“ und „zu spät“?
    Brauche ich die Taube auf dem Dach oder den Spatz in der Hand? Gerade bei dynamischen Entwicklungen wie BIM gibt es den richtigen Zeitpunkt kaum – seit 30 Jahren warte ich darauf, endlich den richtigen und endgültigen PC kaufen zu können 😉

    Ich bin der Meinung, dass dieses Thema
    a) in nächster Zeit
    b) im Bewusstsein, erst am Anfang des langen Weges zu stehen
    c) angegangen werden soll.

    „Fertig“ wird es, wie Normenentwicklung und das Bildungswesen zeigen, sowie nie. Aber man muss anfangen, das Ziel zu suchen und in die entsprechende Richtung zu gehen. Korrekturen sind dabei garantiert ….

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